Der Moment, wenn du am Laufband beginnst zu weinen, weil du einfach „zu schwer“ bist.

Krafttraining, Muskel– und Masseaufbau und eine gleichzeitige Vorbereitung für einen Halbmarathon: geht das? 9 Monate Qual, Tränen und Verzweiflung liegen nun hinter mir. Was habe ich bisher geschafft und habe ich meine Ziele erreicht?

Wenn Bodybuilder laufen (lernen)

Vor einigen Tagen war der Tag aller Tage und ich sollte meine Leistungen der vergangenen 9 Monate am Laufband unter Beweis stellen. Ich bekam die Aufgabe gestellt 8km (und die können manchmal doch sehr lange sein, sind aber nichts gegen die eigentlichen 20km eines Halbmarathons) mit einer Pace von 5:30 km/h zu laufen. Hört sich nicht schnell an, sind aber umgerechnet 10,9 km/h die ich erstmal an Geschwindigkeit hinkriegen muss.

Ich hatte allerdings nicht bedacht, dass ich alleine in den letzten Monaten 3 Kilo an Muskelmasse aufgebaut hatte und das zusätzliches Gewicht beim Laufen mehr behindert als fördert. Über die letzten 3 Jahre waren es insgesamt 8 Kilo die ich durch das Krafttraining zugenommen hatte. Ich dachte mir: „Mass hin oder her: so eine Pace bin ich zwar noch nie in meinem Leben gelaufen, allerdings habe ich mich das letzte 3/4 Jahr ordentlich gequält daher MUSS es einfach klappen“.

 Gefühlt 180 Puls

Mein Herz pumpte und ich war nervös, wie ein kleines Kind das auf das Christkind wartet. Schon während der Vorbereitung die über 9 Monate lief, fragte ich mich immer wieder ob Kraft- und Lauftraining zusammenpasst. Mein Trainer verneinte dies, doch ich wollte ihm einfach nicht glauben. Ich bin doch anders als die anderen: ich trainiere härter, öfter und intensiver. Vielleicht könnte ich es trotzdem schaffen, wenn ich mich nur richtig bemühe? Über Monate hinweg stand ich 3-4 x pro Woche am Laufband und das teilweise bis zu zwei Stunden.

Alles oder nichts

Ich stieg aufs Laufband. Nachdem ich mich kurz eingelaufen hatte, stellte ich 10,9 km/h ein die ich nun über 8km laufen sollte. Schon nach ein paar Sekunden dachte ich mir „Ok, das ist mir jetzt aber viel zu schnell„. 1 Minute später musste ich abbrechen. Nicht weil mein Kopf mittlerweile so rot wie eine Tomate geworden war, sondern weil ich einfach nicht in der Lage war überhaupt so schnell zu laufen – und wer fällt schon gerne vom Laufband 😉 ?

Aufgeben ist ein Fremdwort für mich und so startete ich einen zweiten Versuch. Wieder stellte ich 10,9 km/h ein. So schnell musste ich mindestens laufen, um den Halbmarathon unter 2 Stunden zu absolvieren. Die Zeit wollte einfach nicht vergehen. Jede Sekunde fühlte sich an wie eine halbe Ewigkeit und war die reinste Qual. Nach 1 Minute gab ich auf. Mittlerweile waren meine Augen feucht geworden und ich musste mich zusammenreißen nicht gleich loszuheulen.

Fazit: glaube deinem Trainer mehr als dir selbst

Was passiert eigentlich, wenn man als Bodybuilder einen Halbmarathon laufen will? Ich kann euch die Frage jetzt definitiv beantworten: es funktioniert nicht! Das intensive Krafttraining (derzeit trainiere ich auf Maximalkraft und zu definieren) beißt sich mit dem Ausdauertraining. In beiden Bereichen ein hohes Niveau zu erreichen ist quasi unmöglich. Oder habt ihr schon einmal einen 100kg Bodybuilder einen Marathon laufen sehen? 😉

Bei Ausdauersportarten (sei es Radfahren oder Laufen) geht es darum möglich schnell zu sein und eine längere Distanz zu erreichen. Jedes Kilo mehr auf den Rippen ist hier natürlich fehl am Platz. Beim Krafttraining versucht man genau das Gegenteil: Schnellkraft und Maximalbelastung um Muskeln aufzubauen bzw. zu definieren. Man trainiert hier mit kürzeren, dafür intensiveren Belastungen. Das beide Sportarten nicht Hand in Hand gehen ist jetzt auch mir klar geworden. Da ich meinem Trainer nicht glauben wollte wagte ich ein Selbstexperiment und bin gescheitert – aber sowas von!

Und jetzt?

„Und was jetzt Berny?“ – genau das war die Frage an meinen Trainer, den ich nach meinem misslungenen Lauf natürlich gleich kontaktiert hatte. „Lerne zu akzeptieren und zu verlieren„, meinte er. „Das ist nicht das was ich jetzt hören wollte“, antwortete ich ihm. „Wenn man nicht gewinnt, dann lernt man„, entgegnete er mir. Und er hatte recht!

In meiner Sportkarriere hatte ich bisher keinen sehr engen Kontakt mit dem Wort „verlieren“. Bei jedem Wettkampf hatte ich alles gewonnen was es zu gewinnen gab, egal ob im Sprint, Hürdenlauf oder beim Kugelstoßen. Verlieren bin ich einfach nicht gewöhnt. Ich stand immer ganz oben am Podest – und jetzt?

Naja, jetzt konzentriere ich mich einfach auf meine Stärken. Ich versuche weiter aufzubauen, Muskeln zuzulegen, weiter zu definieren und eventuell „professionell“ ins Bodybuilding-Geschäft einzusteigen? Who knows?

Betone deine Stärken

Ich wollte etwas schaffen, was anatomisch eigentlich unmöglich ist. Blöd, wenn man das 9 Monate gesagt bekommt und es trotzdem nicht glauben will. Naja so bin ich. Besser – schneller – weiter! Nun habe ich gelernt zu akzeptieren auch einmal zu verlieren. Ein Mensch kann nicht alles können. Es gibt Grenzen. Grenzen die ich eigentlich überschreiten wollte. Ich habe beschlossen mich auf das zu konzentrieren wofür ich brenne und lebe: den Kraftsport. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich nie wirklich auf das Laufen gefreut – durchgezogen habe ich es trotzdem. Genau deswegen bin ich stolz auf mich, auch wenn ich nicht das erreichen konnte was ich mir vorgenommen habe. Gewonnen habe ich trotzdem: Erfahrung! Und diese Erfahrung kann mir niemand nehmen!